Night King im Feuer (Foto: imago images / Cinema Publishers Collection)

Lifestyle Meinung Hört auf zu heulen - Game of Thrones "The Long Night" war perfekt!

Mimimi, es war zu dunkel. Mimimi, Arya hat das nicht verdient. Mimimi, es ist niemand Wichtiges gestorben. Ich kann euer Geheule nicht mehr hören!

Montagmorgen. Ich sitze vor meinem Bildschirm und halte immer wieder den Atem an, weil ich geflashed bin. Ich bin geflashed von der Intensität der dritten Folge der achten Staffel von Game of Thrones: The Long Night.

Ja, ich bin Fan der Serie - allerdings bin ich wirklich, wirklich kritisch. Ich gebe keine Vorschusslorbeeren oder bin übermäßig gehyped. Ich war einfach nur gespannt, wie die Macher der Serie DIESE Folge, die, auf die seit zwei Staffeln gezielt hingearbeitet wurde, gestalten werden. Aber nach den etwa 82 Minuten "Serienhalbfinale" war ich ausschließlich eins: Begeistert.

Spätestens seit Dienstag ärgere ich mich über Leute, die diese Folge zerreißen und haten. Das erste Argument (was auch im Netz am häufigsten auftaucht):

Mimimi, es war zu dunkel!

Memes wie dieses hier, sind im Netz seit Montag zu finden wie Sand am Meer:

i would like to personally thank drogon and rhaegal for providing us with the only source of light to actually see anything this episode #gameofthrones https://t.co/811qtKRL70

Ich frage mich: Wundern sich die Leute wirklich darüber, dass sie nicht alles gut sehen konnten? Ich meine, wann hat das letzte Mal jemand in einem Schneesturm und gleichzeitigem Ascheregen (BEI NACHT!) gesagt: "Oh, hier bleib ich noch ein bisschen, die Aussicht ist so schön!"?

Meiner Meinung nach haben wir als Zuschauer genau das gesehen, was wir sehen sollten. Wir haben das gesehen, was die Figuren der Serie auch gesehen haben. Das nennt man auch Stilmittel. Nur so konnte sich auch die geniale Spannung aufbauen, die diese Folge so brutal gut macht. Wem das zu "kunstvoll" ist, der kann gerne weiter billig-Fließbandproduktionen wie GZSZ angucken und glücklich sein, dass man alles sehen kann.

Jetzt ist es sogar schon so weit, dass sich der Kameramann der Folge, Fabian Wagner, in einem Interview zu den "Vorwürfen" gegenüber Wired UK geäußert hat:

 „Das Hauptproblem ist, dass viele Leute nicht wissen, wie sie ihre Fernseher korrekt einstellen. Viele Leute schauen leider außerdem auf kleinen iPads, was einer solchen Serie in keiner Weise gerecht wird.“

Fabian Wagner

Nur in einem Punkt hatten die Hater recht: Ich weiß, dass die Streamingplattformen leider zu krass komprimieren und so die dunklen Szenen noch dunkler werden. Aber come on: Stell deinen Fernseher, dein Handy oder iPad halt mit der richtigen Helligkeit ein und guck, dass du den Raum, in dem du guckst, ein bisschen abdunkelst. That's it.

Mimimi, Arya hat die Rolle der Heldin nicht verdient

Warum wollte denn anscheinend jeder, dass Jon Snow schon wieder der Held ist? Sind das die gleichen Leute, die sagen, dass in den letzten Folgen "gar nichts krasses" mehr passiert ist? Wie langweilig wäre es denn gewesen, wenn der, der immer der Held war, auch da wieder den erwarteten Kampf gewinnt und schon wieder als Held dasteht?

Im Netz wird Arya nach dieser Folge sehr oft als "Mary Sue" bezeichnet. Das ist ein Begriff für einen Charakter, der besonders talentiert ist und dem immer einfach so alles gelingt, ohne dafür groß etwas tun zu müssen - quasi ein perfekter Charakter, der die Wunschträume des Autoren auslebt. Diese Charaktere sind gerade wegen ihrer Perfektion ziemlich unbeliebt.

I'm so fucking sick of Arya it's beyond words... #BattleOfWinterfell #marysue

Ganz ehrlich: Aryas Entwicklung ist meiner Meinung nach die krasseste aller Figuren und dass sie jetzt einfach nur auf Wunsch des Autors plötzlich am Ende die Heldin ist, ist einfach Quatsch. Arya ist eine trainierte Killerin - wer, wenn nicht sie, ist fähig so einen Move wirklich durchzuziehen? Die vielen Referenzen, die in dieser Folge zu ihrem Werdegang gemacht wurden, erinnern uns als Zuschauer auch nochmal genau daran.

Mimimi, es ist gar kein wichtiger Hauptcharakter gestorben

Die Erwartungshaltung aller Fans war vor dieser Folge anscheinend so hoch, dass jetzt alle enttäuscht scheinen, dass sie sich von keinem ihrer Lieblinge jetzt schon verabschieden mussten. Das sind aber auch die gleichen Leute, die jetzt alles viel zu vorhersehbar finden...

In keinem Kampf ist bei Game of Thrones jemals ein wichtiger Hauptcharakter draufgegangen. Und dass in einer Collage gegen Ende nur noch die Hauptcharaktere beim Kampf gezeigt werden, heißt ja nicht, dass niemand sonst überlebt hat und kämpft. Aber wen hätte es denn interessiert irgendwelchen no-name Leuten dabei zuzusehen, wie sie um ihr Leben kämpfen?

Game of Thrones ist so beliebt geworden, weil es krasse Storytwists gab. Plötzlich sind unsere Lieblinge gestorben - aber IMMER war eine Intrige der Grund. Dahinter stand ein Charakter, den man einfach nur HASSEN konnte - wie Cercei (eigentlich immer) oder Walter Frey bei der roten Hochzeit.

Ja, solche plötzlichen Wendungen gab es leider schon lange nicht mehr und ich vermisse sie auch. Aber der Night King und die Armee der Toten stand für mich auch nie für Hinterlistigkeit und Intrigen, sondern einfach für stumpfe Brutalität und Übermacht. Meine Erwartung war nicht, dass in dieser Folge eine komplizierte, plötzliche Wendung im Stil der roten Hochzeit passiert. Die Wendung in dem Moment, in dem man dachte "Alle gehen jetzt drauf...es ist keiner mehr da, der die Situation retten kann" zu "OH MEIN GOTT - ARYA!!!" war für meine Nerven schon genug.

Ich würde jede Wette eingehen, dass in den nächsten drei Folgen noch viele unserer Lieblingscharaktere draufgehen werden. Aber nicht stumpf durch den Tod himself, sondern durch menschliche Hinterlistigkeit. Ich erwarte noch den ein oder anderen krassen Twist - aber einer, der wie immer in Game of Thrones, auf menschlichem Egoismus und Hinterlistigkeit beruht und den Charakteren Tiefe gibt, wie sie in keiner anderen Serie seit langem mehr vorkam.