Lifestyle Y-Kollektiv Der Rap Hack: Kauf dich in die Charts! Wie Klickzahlen manipuliert werden

In Deutschland brechen Rapper gerade alle Streaming-Rekorde. Reporter Ilhan vom Y-Kollektiv rasiert mal eben die Branche und zeigt, wie Streamingzahlen im Deutschrap manipuliert werden.

Normalerweise steht Ilhan Coskun hinter der Kamera. Er ist Kameramann. Für die Reportage des Y-Kollektivs ist er aber mal eben zum Rapper geworden und zeigt als Reporter, wie Streamingzahlen manipuliert werden.

Die Relevanz eines Künstlers zu bestimmen, wird immer schwieriger. Geht man nach goldenen Schallplatten, nach Streaming-Zahlen ... Ich weiß es halt einfach nicht mehr!

Ilhan im Interview über seine Reportage

Ilhan dreht selbst manchmal Rap-Videos. Darüber ist ein Kontakt mit einem selbst ernannten "Social Media-Experten" - im Video Kai genannt - zustande gekommen. Der hat ihm gesteckt, dass er einer der Leute ist, der Streaming-Zahlen für viel Geld manipuliert. Unter anderem für die Top 5 größten Künstler Deutschlands.

Auch wenn sie es nicht wissen. Aber ihre Manager wissen es.

Kai - manipuliert Streaming-Zahlen für große Künstler

Wie werden Streaming-Zahlen manipuleirt?

Kai erzählt Ilhan in der Reportage, dass er 150 bis 250 Tausend Accounts hat, die NonStop die gewünschten Songs hören. Vermutlich von gehackten Spotify-Accounts. Auf seinem Rechner laufen die E-Mail-Adressen der Accounts lang. Ilhan meint spaßeshalber, dass sein Spotify-Account auch dabei wäre. Kai meint trocken: "Den habe ich auch, ja."

Kai legt Playlisten an, damit es nicht so auffällt, wenn plötzlich unbekannte Künstler krass gestreamt werden. Dann packt er zum Beispiel einen Capital Bra in die Playliste mit rein. Das heißt, selbst wenn ich als Künstler gar nicht meine Zahlen manipulieren will, kann es passieren, dass Kai ihnen einfach Klicks "schenkt", um nicht aufzufallen. So könne er zum Beispiel Algorithmen von Spotify umgehen.

Wir sprechen hier ja nur von Spotify. Die anderen Anbieter machen ihre Zahlen ja gar nicht öffentlich, um sich vielleicht auch ein bisschen davor zu schützen, dass man sie damit angreift.

Ilhan im Interview über seine Reportage

Hat Mero Klicks gekauft?

Am Beispiel von Mero zeigt Kai dem Y-Kollektiv, was an seinem Spotify-Account auffällig ist. Die großen Singles haben viel mehr Klicks, als seine normalen Albumtracks. Außerdem sind die Songs immer unter 3 Minuten lang. Je kürzer die Songs, desto mehr könne man sie in Dauerschleife streamen, so Kai.

Bei dem relativ neuen Künstler "Sero el Mero" hatte Kai Ilhan gesteckt, dass er den mal im Auge behalten sollte. Der würde bald steil gehen. Und was ist passiert? Ilhan zeigt im Video, dass Sero el Mero kurz nach Videoveröffentlichung nur 89 Aufrufe auf YouTube hatte, aber 3299 Daumen nach oben. Das passt natürlich nicht so wirklich zusammen.

Kai hat zwar keine Beweise, dass Klicks gekauft wurden, aber er meint, er sähe die Anzeichen. Vor allem bei Künstlern von "Grove Attack Tracks" wäre das auffällig. Auf eine Anfrage hin verneinte der Musikvertrieb aber, dass sie mit solchen Mitteln arbeiten würden.

Der Selbsttest von Ilhan aka Error281

Um zu zeigen, wie Kai arbeitet, hat Reporter Ilhan einfach mal versucht, selbst Rapper zu sein und sich seine Klicks manipulieren zu lassen. Mit befreundeten Produzenten hat Kai einen eigenen Song "8k"aufgenommen und ein Musikvideo produziert. Ein Lied über seinen Job als Kameramann und sein Team vom Y-Kollektiv.

Schon vor Release hat Kai einen Instagram-Account für Ilhan aka Error281 angelegt. Fünf Tage vor Veröffentlichung seiner Musik hat der Account schon 73 Tausend Follower. Mit YouTube gibt's anfangs noch Probleme. Zwei Stunden nach Release hat das Video an die Tausend Klicks, was für Kais Verständnis nicht viel ist. Einen Tag lang dümpelt das Video bei ca. 1600 Klicks rum. Vermutlich "wurde das Musikvideo gestrikt", so Ilhan.

Scheint als ob YouTube ganz gut aufpasst. Das zeigt, dass es nicht so einfach ist [Klicks zu manipulieren], wie man denkt.

Ilhan über die Manipulation von Klickzahlen bei YouTube

Aber in den darauf folgenden Tagen hat es sich "gebessert". Nach einer Woche hat das Video schon 200 Tausend Aufrufe.
Auf Spotify ging es direkt ab. Da knackt Ilhan die Tausender Marke schon nach einer halben Stunde ungefähr. Nach einer Woche hatte er 100 Tausend Plays, so Ilhan.

Ich habe immer wieder drauf geguckt, wie sich die Zahlen verändern. War schockiert erstmal. Also, so 'ne Mischung aus Freude und schockiert sein, dass das geht.

Ilhan im Interview über seine Reportage

Kais Arbeit funktioniert und zeigt, dass wenn man verstanden hat, wie es geht, es eigentlich relativ leicht geht. Zumindest für Leute wie Kai.

Lohnt sich das Geschäft mit den gekauften Klicks?

Für Kai vermutlich auf jeden Fall. Er könne bis zu 100.000 Euro im Monat damit verdienen, "wenn er will". Es ist nicht ganz legal, was Kai macht. Deswegen ist er auch im Video unerkannt und seine Stimme wurde nachgesprochen. Ist also die Frage, ob das Risiko das Geld wert ist - abgesehen von der moralischen Frage natürlich.

Für Künstler lohnt es sich auch. Wenn sie (oder ihr Management) 50.000 Euro inverstieren, können sie das mit vielen Klicks easy wieder reinholen. Am Beispiel von Meros "Baller los" rechnet Kai im Video, dass Mero mit der Single allein auf Spotify mal eben 256.000 US-Dollar verdient haben muss. Und das allein auf Spotify!

Was sagen YouTube, Spotify und Co. dazu?

Ilhan hat bei verschiedenen Streamingplattformen nach einem Statement gefragt und keine Rückmeldung bekommen.
Die Gesellschaft für Konsumforschung, die für die Ermittlung der Chartplatzierungen in Deutschland zuständig ist, kennt das Problem der Manipulation. Auf Ilhans Anfrage wird gesagt, dass ihnen Hinweise auf Manipulation vorlagen, aber diese nicht belegt werden konnten.
Generell gilt aber, dass falls sich solch ein Verdacht bestätigen sollte, der entsprechende Künstler aus der Chartswertung raus genommen wird.

Aber es gibt auch ein bisschen "Stress" für Ilhan. Es hätten sich bei ihm schon "welche" gemeldet.

Ich musste es ja anhand von Beispielen zeigen. Einmal anhand von meinem Beispiel und dann habe ich natürlich noch Beispiele genannt, die aber im Vorfeld vorher schon gefallen sind. Wo die Zahlen so extrem sind. Und von der Seite gibt es sozusagen Reaktionen.

Ilhan im Interview über seine Reportage

Warum verrät Kai seine fragwürdige Arbeit?

Es ist DIE Frage, die man sich beim Schauen der Reportage stellt. Zum Glück hat sie sich auch Ilhan selbst gestellt. Kais Reaktion darauf: Er wäre nicht so bezahlt worden, wie es von Anfang an vereinbart war. Außerdem hätten sich dann diese Leute auch noch an seine Freundin ran gemacht und ihm diese ausgespannt. Es sollte also eine Lehre sein. Klingt nach einem kleine Racheakt von Kai an den Leuten, die bei ihm Klicks kaufen.

Ilhans Freunde hatten Bedenken

Laut Ilhan hatten einige seiner Freunde Bedenken. Sie haben sogar gesagt, dass Ilhan vielleicht son bisschen die Rap-Geschichte zerstören würde. Ilhan geht es aber gar nicht um das Genre, sondern um das System. Früher wären auch Labelchefs durch die Läden gelaufen und hätten Platten gekauft, um die Zahlen zu erhöhen. Heute eben übers Internet.

Wenn man diese Zahlen immer hört und welche Rekorde gebrochen werden, dann finde ich das schon extrem. Da sollte man schon mal drüber nachdenken. Je jünger die Hörer sind, desto einfacher ist es die damit zu beeindrucken. "Der hat so und so viele Millionen Klicks, der muss gut sein".

Ilhan im Interview über seine Reportage