Kummerseiten auf Instagram (Foto: DASDING, Unsplash/@Oleg Magni, eigene Bearbeitung)

Lifestyle Social Media „Wir helfen dir!“ Gefährliche Kummerseiten auf Instagram

„Du weißt nicht weiter? Wir helfen dir! Alles anonym“ – mit einem Klick lande ich beim Psychologen. Naja, nicht ganz. Bei einer Kummerseite auf Instagram. Klingt erst mal nach Kindergarten, ist aber alles andere als das.

Kennt ihr das, wenn ihr so richtig in die Instagram-Welt eintaucht, plötzlich irgendwo landet und euch nicht erklären könnt, wie ihr dorthin gekommen seid? Genauso ging es mir, als ich auf einer Kummerseite gelandet bin – umgeben von Posts, die mich schockten. Nach ein paar Minuten hatte ich bereits fünf ähnliche Accounts gefunden.

Was geht hier ab?

Auf den Seiten tummeln sich nicht nur 12-Jährige, die sich mit ihrer besten Freundin gestritten haben und Rat suchen. Ich lese oft von schweren Depressionen, Jugendlichen, die sich ritzen und Suizid-Vorhaben.

Per Nachricht schicken junge Leute ihre Probleme an diese Insta-Kummerseiten, die es posten und die Community auffordern, zu kommentieren und dem Verfasser so zu helfen. Ich klappe die Kommentare aus. Bei vielen läuft es mir eiskalt den Rücken runter: Muss man durch... wenn du die Phase überlebst, wirds besser. Rauch was Starkes. Schreib mich an, ich kann dir helfen.

Ich kontaktiere die Seite

Alles nur fake? Vielleicht denkt sich jemand diese krassen Posts auch aus, um sein Profil mit Inhalten zu füllen. Ich erstelle deshalb selbst ein „Problem“ und schicke es an den Account, um zu sehen, was passiert. Gleichzeitig versuche ich, den Admin offiziell zu kontaktieren und ihm Fragen zu stellen, um herauszufinden, wer und was dahintersteckt. Vier Mal werde ich mit meiner Interviewanfrage vertröstet: „Beantworte ich bald“... „am Sonntag“... oder halt gar nicht. Aber hey, keine Antwort ist auch eine Antwort, lieber Admin!☝️

Hilfe, Psychologin!

Schon jetzt finde ich das alles sehr, sehr gefährlich. Deshalb möchte ich mit jemandem darüber sprechen, der sich auskennt: Anna-Marie Vitzthum ist Online-Psychologin und weiß, wie das Internet bei psychischen Problemen helfen kann: „Das ist wie eine virtuelle Selbsthilfegruppe.“ Wenn wir lesen, dass sich andere Leute ähnlich fühlen, entstehe das Gefühl der Verbundenheit und wir empfinden uns selbst „normaler“. In den Kommentaren entdeckt sie ein paar sinnvolle Ansätze, dennoch lösen viele ihre berufliche „Alarmglocke“ aus, sagt sie.

„Der Tod ist so wundervoll" – WTF?!

Ein 21-jähriger User schreibt in einem Post, dass er in seinem Leben keinen Sinn mehr sieht und fragt, was er tun soll. Die Kommentare darunter: gemischt. Viele aufbauend und motivierend. Viele das genaue Gegenteil. „Der Tod ist so wundervoll“, schreibt jemand.

So ein Kommentar kann im schlimmsten Fall der Stein des Anstoßes zur Selbsttötung sein.

Online-Psychologin, Anna-Marie Vitzthum

Hier fehle ganz klar die Moderation, sagt die Psychologin. Posts und Kommentare werden vom Seitenbetreiber nicht kontrolliert oder reguliert.

„Kauf dir 'nen Hund, der bringt dich auf andere Gedanken“ oder „Lass dir einfach 'n Antidepressivum verschreiben“ – ich kann kaum fassen, welche Ratschläge dem 21-Jährigen gegeben werden. Auch die Psychologin findet das gefährlich. Nicht nur der Admin, auch die User, die kommentieren, tragen eine große Verantwortung. Die darf man nicht unterschätzen, warnt die Online-Psychologin.

„Schreib mich an“

Besonders auch bei der Hilfe per Privatnachricht ist sie besorgt. Unter den Posts battlen sich die Pseudo-Psychologen fast schon mit ihren „Schreib mich an“-Sprüchen. Wenn man diesen Kontakt eingeht und dann dem/der Hilfesuchenden irgendwann nicht mehr schreibt, könne diese/r in ein Loch fallen, erklärt sie. Und was, wenn man selbst überfordert ist und nicht mehr weiß, wie man einer depressiven Person weiterhelfen soll?

„Alles Anonym“? – Fehlanzeige!

Ich bezweifle, dass die User auf der Seite wissen, welche Verantwortung sie tragen. Genauso skeptisch bin ich bei der Anonymität, denn:

  1. Die Betreiber der Kummerseiten haben keine Schweigepflicht! Das heißt: Sie können (theoretisch) mit dem, was du ihnen anvertraust, machen, was sie wollen.
  2. Ein Blick in die Datenschutzrichtlinie zeigt: Instagram speichert deine Daten – und auch das, was du in deinen Nachrichten verschickst!

Wir erfassen die Inhalte, Kommunikationen und sonstigen Informationen, die du bereitstellst, wenn du unsere Produkte nutzt; dazu gehören auch (…) der Nachrichtenaustausch bzw. das Kommunizieren mit anderen.

Instagram

Und mein „Problem“?

Was mittlerweile mit meinem eingereichten Problem passiert ist? Tja, NICHTS. Nach einem Monat wird es weder gepostet noch die Nachricht überhaupt gelesen. In den Storys des Accounts lese ich etwas von Warteschlange: „Ich ignoriere niemanden, sondern bekomme einfach nur viele Anfragen😉“. Auch das kann zur Gefahr werden, erklärt die Psychologin: Wenn sich jemand einsam fühlt und hofft, Antworten zu bekommen, könne der-/diejenige innerlich noch weiter zu Boden gehen, wenn keine Reaktion kommt.

Eine neue Story des Accounts ploppt auf: Die User werden gebeten, den Account ihren Freunden zu empfehlen. Auch unter Posts anderer Seiten wirbt der Admin um Follower. Ich erkenne hier ein ganz klares Ziel: Reichweite. Ja, die Person scheint mir fast schon Like- und Abonnenten-geil. Hier feiert sich jemand. Und das mit den Ängsten und Sorgen von Menschen, denen es offensichtlich extrem schlecht geht.

Unangenehm? Scham? Sicherere Alternativen

Natürlich ist es viel angenehmer und einfacher, seinen Kummer bei einer Insta-Seite abzuladen als Face-To-Face beim Psychologen. Es gibt aber auch andere Online-Angebote, die sicherer und professioneller sind:

Auch wenn Social Media trösten und verbinden kann: Instagram sollte nicht die Funktion deiner Mitmenschen oder eines Psychologen übernehmen.

Pass auf dich auf – auch online! 🖤