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Das neue Jahr ist da, die Zeit der Jahresrückblicke vorbei. Darum wagt unser Autor Joshua einen Blick in die Zukunft und erklärt, wieso die Soloalben von Ufo361, Haftbefehl, Samra, KeKe und Apache 207 für Deutschrap dieses Jahr besonders wichtig werden.

Ufo361 - "Rich Rich"

Seit seiner kreativen Neuausrichtung 2014 wuchs Ufo immer weiter zu einem der großen Tonangeber im Deutschrap heran. Viele Künstler blicken auf ihn und orientieren sich an seinem Sound. Nach seinem dritten Soloalbum „Wave“ hat der Berliner gerade einen spannenden Punkt in seiner Karriere erreicht. Denn „Wave“ war ein Schlüsselmoment. Es vereinte die beiden sehr gegensätzlichen Stile der Vorgänger: Den Stil des düsteren „808“ und den Gute-Laune-Party-Ufo von „VVS“. Darum stellt sich nun die Frage, was darauf folgen soll. Die Geschichte scheint auserzählt und Ufo gelangweilt von dem, was um ihn herum passiert:

Deutsche Rapper alle gleich, Dicka, eklig, so wie Inzucht / Nein, keiner der mich inspiriert, keiner gibt mir Input.

Ufo361 auf „Nur zur Info“

Die Antwort: Es wird immer internationaler. Zuerst das deutsch-türkische Projekt mit Ezhel und nun „Rich Rich“, das neue Soloalbum, das bald erscheint. Dort erfüllte er sich seinen großen Traum, eine Zusammenarbeit mit seinem Idol Future. Zudem hat er schon bekanntgegeben, dass auf dem Album auch Produktionen des amerikanischen Produzenten Tay Keith sein werden. Der produziert sonst für Beyoncé, Drake oder Eminem. Es scheint, als wäre Ufo bereit, sich nicht mehr (nur) mit Deutschrap zu messen, sondern mit weltweitem Rap.

Samra - „Jibrail & Iblis“

Ich glaube nicht, dass ich übertreibe, wenn ich sage: „Jibrail & Iblis“ ist das meist erwartete Debütalbum im deutschen Rap. Nach dem vorgezogenen Kollaboalbum mit Capital Bra und mittlerweile drei Namenswechsel, warten die Fans schon eine ganze Weile. Ursprünglich sollte das Album „Marlboro Rot“ heißen und danach „Smoking Kill“. Die vielen Verschiebungen und besonders „Berlin Lebt 2“ sorgten für die absurde Situation, dass Samra aktuell bereits zu den erfolgreichsten und größten Rappern des Landes zählt, obwohl er noch kein einziges Soloalbum veröffentlicht hat. Zehn Nummer #1-Awards hat er bereits im Regal stehen. Gut möglich, dass sein Debütalbum ihm den elften bescheren wird.

Das Besondere an Samra ist, dass er verschiedene Welten vereint. An der Seite von Capital Bra passte er sich dessen Sound an und machte melodische Ohrwürmer auf moderne Beats. Solo hingegen gab es meist klassischeren Sound mit seiner tiefen, kratzigen Stimme und Sample-Beats auf ≈ 90 BPM. Es wird spannend, wie er es schafft seine beiden Stile auf Albumlänge zu vereinen und ob er den Erwartungen, die mit jeder Verschiebung natürlich gestiegen sind, gerecht werden kann.

Haftbefehl - „DWA“

Noch mehr Drama und das Erscheinen bzw. das Nicht-Erscheinen eines Albums gab es bei Haftbefehl. „Russisch Roulette“, sein letztes Soloalbum, ist bereits über fünf Jahre her und gilt als Klassiker. Es beförderte Hafti zum Straßenrap-Oberhaupt und wurde sowohl von der Fachpresse als auch vom Feuilleton überschwänglich gelobt. Was den Offenbacher auszeichnet ist sein Slang, seine unkonventionellen Flows und die Gabe, Wörter reimen zu lassen, die sich de facto einfach nicht reimen (z.B. Adana Kebap auf Mc Donald’s). Auch beattechnisch haben Releases von Haftbefehl immer ordentlich was zu bieten. 2015 vertröstete er seine Fans mit einem Mixtape, auf dem es hieß:

Warum kommt Hafts Album denn schon wieder im Winter? / Das ist Räubermusik und da wird's früher dunkel, was 'ne Frage! Behindert?

Haftbefehl auf dem Song „069“

Und seitdem warten die Fans jeden Winter auf den Nachfolger von „Russisch Roulette“. Immer wieder gab es Andeutungen, dass es jetzt aber wirklich soweit wäre. Im Sommer 2019 hieß es sogar, das Album sei fertig. Trotzdem kam im Winter schon wieder kein Album. Als Titel steht die Abkürzung „DWA“ im Raum, die wahrscheinlich für „Das weiße Album“ steht, eine Anspielung auf das neunte Album der Beatles. Ein solcher Titel zeigt: Haft hat Großes vor mit dem Album. Und sowieso: Wer so lange auf ein Album warten lässt, muss sich sehr sicher sein, dass er mit Qualität überzeugt. Denn nach so langer Wartezeit und so vielen Enttäuschungen, dass es doch nicht kam, steigen die Erwartungen der Fans natürlich immer weiter an. Erst vor wenigen Tagen meldete sich Haftbefehl auf Instagram von einem Videodreh aus Rotterdam. Mal sehen, ob es dieses Jahr endlich soweit ist…

KeKe - Was kommt 2020?

2018 entstand ihre erste Single „Donna Selvaggia“ (dt. wilde Frau) aus einer Laune und einer Schnapsidee heraus. Eigentlich war und ist sie ausgebildete Jazz-Sängerin. Doch heute, rund eineinhalb Jahre später, ist sie in der Rapszene das, was man einen Kritikerliebling nennt. Die Österreicherin füllt noch keine riesigen Hallen oder sammelt Goldauszeichnungen. Aber sie wird von vielen Künstlern, Presse- und Industrieleuten abgefeiert. So kam es auch, dass sie 2019 auf zwei der größten Deutschrap-Releases vertreten war: „Kiox“ von Kummer und Trettmanns selbstbetiteltes Album. Kummer nahm sie anschließend auch gleich mit auf Tour.

Ihre Musik beschäftigt sich intensiv mit Themen wie Selbstermächtigung, einen selbstbestimmten und selbstbewussten Umgang mit eigenen Schwächen und Problemen. Damit füllt sie neben den großen Hit-Maschinen wie Loredana oder Juju eine bisher unbesetzte Lücke unter den weiblichen Deutschrap-Acts. Nach ein paar Singles und der „Donna“-EP wird es dieses Jahr Zeit für das Debütalbum. Das Fundament ist bereits gelegt, das könnte sehr groß werden!

Apache 207 - Was kommt 2020?

Die Geschichte von Apache 207 ist einzigartig. Innerhalb eines Jahres ist er von einem absoluten Noname, erst zu einem kleinen Szenehype und von da aus zum Superstar herangereift. Es ging super schnell und doch ist er kein One-Hit-Wonder, das aus dem nichts kam und schnell wieder weg war. Im Gegenteil: Bisher war fast jeder Song ein Volltreffer. Doch auch solche Künstler müssen sich noch der Feuerprobe stellen, dem Debütalbum.

Das könnte bei Apache besonders interessant werden. Bislang zeichneten sich seine Songs entweder als tanzbare Ohrwürmer mit viel Charme und Humor oder als schön gesungene Balladen aus. Was bislang noch etwas fehlt, ist mehr Persönlichkeit. Der Witz und der Charme zeichnen ihn aus, nutzen sich auf Dauer aber auch ab. Durch seine Stimme, seinen Style und sein Charisma ist eigentlich alles da, was es braucht, um ein noch Größerer zu werden, als er es jetzt bereits ist. Wenn das Debütalbum kommen sollte und neben dem Representen der Crew und Frauengeschichten auch mehr über die Person hinter Apache erzählt, werden wir in den Jahresrückblicken über 2020 sicher über ein großartiges Album sprechen können.