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An der türkisch-griechischen Grenze spielen sich seit den vergangenen Tagen dramatische Szenen ab. Wir erklären dir, was dort gerade passiert, was dahinter steckt und wie das Internet darauf reagiert.

Die letzten Tage und Wochen waren vor allem von einem Thema bestimmt: Corona-Virus! Dabei gibt es noch ein anderes, extrem wichtiges Thema:
Derzeit spielen sich an der türkisch-griechischen Grenze wirklich krasse und dramatische Szenen ab. Flüchtlinge stoßen mit Polizisten zusammen. Tränengas wird eingesetzt. Polizisten werden mit Steinen beworfen. Menschen auf Schlauchbooten werden gewaltsam weggestoßen.

Warum machen sich gerade viele Menschen auf den Weg nach Griechenland?

In Syrien herrscht Bürgerkrieg. Verschiedene Länder und Akteure sind darin involviert. Das macht das Ganze ziemlich kompliziert. Hier kannst du alle Hintergründe und Akteure zum syrischen Krieg nachlesen.

Aufgrund dieses Bürgerkriegs in Syrien flüchten die Menschen dort aber gerade wieder vermehrt in die Türkei.

Fast gleichzeitig gingen in der Türkei die Gerüchte um, dass die Türkei ihre Grenzen zur EU (demnach zu Griechenland) öffnet. Das heißt: Menschen, die von Syrien in die Türkei kommen, können weiter in die EU, um dort eventuell Asyl zu bekommen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bestätigte, dass sie die "Tore" zur EU für die vielen Flüchtlinge geöffnet haben. In einer Art Rede sagte Erdogan:

Wir werden diese Pforten auch in der nächsten Phase nicht wieder schließen. Und das wird so weitergehen. Warum? Weil sich die Europäische Union an Absprachen halten muss. Wir sind nicht gezwungen, so viele Flüchtlinge allein zu betreuen und zu versorgen.

Recep Tayyip Erdogan

Warum öffnet die Türkei ausgerechnet jetzt die Grenzen?

Damit es NICHT zu einer Grenzöffnung zur EU kommt, gab es eigentlich nach der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 das sogenannte Türkei-EU-Abkommen, das unter anderem Folgendes festgehalten hatte:

Alle neuen "irregulären" Migranten, die ab dem 20. März 2016 auf den griechischen Inseln ankommen und die kein Asyl beantragen oder deren Antrag als unbegründet oder unzulässig abgelehnt wird, werden auf Kosten der Europäischen Union in die Türkei zurückgebracht.

Im Gegenzug sollte es seitens der EU finanzielle Hilfe geben und die Beitrittsgespräche der Türkei in die EU wiederbelebt werden.

Laut Erdogan habe sich die EU nicht an Absprachen gehalten. In einer Rede erklärte der türkische Präsident, dass er mit Angela Merkel telefoniert habe:

Der Bundeskanzlerin, der Merkel, habe ich gesagt: 'Sie hatten mir hohe Summen versprochen.' Aber alles, was sie mir am Ende zusichern konnte, waren 25 Millionen Euro. [...] Ich habe sie dann wieder angerufen und nachgefragt. Sie sagte, das Geld sei bereit. Ich sagte, das bereitgestellte Geld ist aber nicht hier angekommen.

Erdogan in einer Rede

Es ist gut möglich, dass Erdogan mit dieser Entscheidung Druck auf die EU und ihre Länder ausüben will. Immerhin leben fast vier Millionen Flüchtlinge in der Türkei. So viele wie sonst nirgends. Auch die SPD fordert eine schnelle Umverteilung auf die übrigen EU-Staaten. Zum anderen könnte er damit die EU dazu bringen, sich am syrischen Krieg zu beteiligen. Bisher haben sich die europäischen Staaten nämlich aus dem Konflikt weitestgehend herausgehalten.

Warum Griechenland sich quer stellt

Jetzt kommt das momentan größte Problem: Die Grenzen in der Türkei sind zwar geöffnet, in Griechenland aber nicht. Denn Griechenland will nach eigenen Angaben keine geflüchteten Menschen mehr aufnehmen. Genau in diesen Regionen kommt es jetzt zu Problemen. Auf der griechischen Insel Lesbos herrscht in den Flüchtlingslagern schon seit Monaten Ausnahmezustand. Viele sprechen von katastrophalen Bedingungen. Manche Menschen "müssten in Erdlöchern leben". Unter anderem kam es jetzt auch zu diesem Vorfall:

Dieses Video ist eine Schande. Für uns alle. https://t.co/2uNtRFblBN

Auch Einheimische der griechischen Inseln hätten versucht, die ankommenden Flüchtlinge nicht an Land zu lassen.

Um die Grenze zu schützen, hätten griechische Polizisten außerdem Tränengas und Blendgranaten eingesetzt. Flüchtlinge hätten wiederum mit Steinen geschmissen. SWR-Reporterin Karin Senz ist vor Ort und hat mit Flüchtlingen gesprochen. Ihren Eindrücken zufolge seien die Menschen erschöpft und nervlich am Ende. Ein junger Afghane habe im Gespräch mit ihr stark gezittert.

Als Reaktion hat Griechenland übrigens für einen Monat das Recht auf Asyl ausgesetzt.

#WirhabenPlatz: Diskussionen auf Social Media

Auch auf Social Media ist dieser Konflikt großes Thema. Auf Twitter gibt es unter dem #WirHabenPlatz heftige Diskussionen.

Wir haben -keine Pflegekräfte -kein Wohnraum -keine Kita Plätze -Lehrermangel -Gefängnisse platzen aus allen Nähten - ruinierte Schulen -benötigen Fachkräfte etc. Vor allem geht dieser Virus um und wird noch genug Krankenhäuser füllen Und der Bessermensch gröhlt #WirHabenPlatz

Hier herrscht Panik wegen #Covid_19, Läden werden aufgekauft und Menschen flüchten vor nießenden Person, dafür gibt es Verständnis. Kein Verständnis gibt es dafür, dass Menschen flüchten, weil sie bombardiert werden und sich in Sicherheit bringen wollen #WirHabenPlatz

Ich habe dieses Schwarz-Weiss Gelaber satt. Muss man sich wirklich von der einen Seite als Nazi und von der anderen als Bahnhofsklatscher bezeichnen lassen, wenn man eine Meinung hat, die über "Alle raus!" oder "Alle rein!" hinausgeht? #WirHabenPlatz

Auch Influencer wie Louisa Dellert greifen dieses Thema auf und besprechen es in ihren Insta-Stories. Viele ändern auch ihr Profilbild auf WhatsApp in eine türkische Flagge.

Am Ende sind aber vor allem die Flüchtlinge die Leidtragenden, die vor Krieg fliehen und nicht wissen, wo sie hin sollen. Alle Länder, auch die EU, müssen jetzt gemeinsam schnell eine Lösung finden.