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Gerade kursieren durch Corona viele Verschwörungstheorien. Zum Beispiel, dass die Bundesregierung Ende August einen Lockdown von drei bis sechs Monaten planen würde. Wie verhalten wir uns am besten, wenn uns jemand sowas weismachen will? Wir haben fünf Tipps für dich zusammengestellt.

Hinweis: Der Artikel gibt den Stand von August 2020 wieder. Die ursprüngliche Headline: "2. Lockdown, Impfpflicht und Co." ist mittlerweile irreführend. Wir haben die Headline daher angepasst. Unsere Berichterstattung zu den aktuellen Entwicklungen zur Corona-Pandemie findest du hier.

Wenn der Kollege oder die Kollegin in der Kaffeepause plötzlich erzählt, dass Bill Gates uns alle zwangsimpfen will oder die Bundesregierung im Geheimen ja einen Lockdown von bis zu sechs Monaten plant, endet sowas schnell mal im Streit. Diskussionen mit Verschwörungstheoretikern tragen fast immer ein Dilemma mit sich, erklärt Roland Imhoff, Sozial- und Rechtspsychologe an der Gutenberg-Universität Mainz:

Der Versuch, einer Verschwörungstheorie zu widersprechen, wird häufig selbst als Teil der Verschwörung wahrgenommen.

Auch Sozialpsychologe Hans-Peter Erb sieht die Problematik hinter dem Phänomen:

Verschwörungstheorien lassen Komplexes einfach erscheinen. Widersprechen wir, arbeiten wir genau gegen das, was sich Verschwörungstheoretiker wünschen: Wir liefern Argumente, Komplexität und Fakten.

Um dieser Falle aus dem Weg zu gehen, warten hier fünf Tipps auf dich, um in der nächsten Auseinandersetzung mit Tante Gisela ganz cool zu bleiben:

Tipp 1: Fragen stellen

Roland Imhoff rät dazu, keine argumentative Offensive zu starten, sondern Fragen zu stellen: "Warum glaubst du das? Woher hast du die Info? Was macht deine Quelle glaubwürdiger als meine?" Oft lassen sich hier bereits Fehler in der Logik erkennen:

Je mehr logische Fehlschlüsse ich aufdecke, umso weniger überzeugend ist die Theorie.

Es geht also nicht darum, sein Gegenüber zu überzeugen, sondern die Theorie zu hinterfragen.

Tipp 2: Sich selbst hinterfragen

Genau die gleichen Fragen sollen wir aber auch uns selbst stellen, sagt Roland Imhoff. "Beide Seiten müssen sich fragen, was gegen die eigene Theorie sprechen könnte." Das ermöglicht eine Diskussion auf Augenhöhe.

Tipp 3: Bedürfnisse hinter Verschwörungstheorien verstehen

Hinter Verschwörungstheorien verstecken sich Bedürfnisse: Das Bedürfnis nach Erklärung, die Welt kontrollierbar erscheinen zu lassen und ein Bedürfnis nach Einzigartigkeit.

Roland Imhoff ergänzt, dass das legitime Bedürfnisse sind und dass nichts falsch daran ist, Klarheit haben zu wollen - besonders in Zeiten einer globalen Pandemie. Problematisch ist es aber, diese Bedürfnisse mit Verschwörungstheorien zu befriedigen.

Tipp 4: Sorgen hinter Verschwörungstheorien ernst nehmen

Ein Blick in die Kommentarspalten von Facebook & Co. zeigt, dass viele User sich über Verschwörungstheoretiker lustig machen.

FB-Kommentare (Foto: DASDING)

Im direkten Ausstausch ist das keine Option, betont Jan Skudlarek, Sozialphilosoph und Buchautor:

Zunächst sollten wir die Sorgen hinter den Theorien ernst nehmen. Veralbern wir vereinzelte Menschen, verhärtet das die Fronten.

Tipp 5: Sich einigen, uneinig zu sein

Egal wie wir es drehen und wenden, egal welche Quellen wir nennen oder Fragen wir stellen, wir kommen mit unserem Gesprächspartner nicht auf einen Nenner. In so einem Fall müssen wir lernen, zu unterscheiden, sagt Imhoff:

Je mehr jemand drin ist, desto verschlossener ist er gegen Widerspruch. Ist jemand völlig unempfänglich, bleibt keine andere Wahl, als sich darauf zu einigen, sich uneinig zu sein.

Jan Skudlarek warnt allerdings, bestimmte Verschwörungstheorien unkommentiert im Raum stehen zu lassen:

Da, wo es menschenfeindlich wird - wie etwa im rechten Spektrum - kann Stille sehr gefährlich sein. Diesen Theorien dürfen wir keinen Raum geben.

Reflektierte Diskussionen lohnen sich vor allem mit Menschen, die sich noch nicht komplett von Verschwörungstheorien mitreißen lassen, so Imhoff:

Es gibt zwar einige Leute, die sehr offen für Verschwörungstheorien sind, aber noch nicht völlig überzeugt davon. Mit ihnen ist es einfacher, zu diskutieren.

Warum wir uns selbst überschätzen: Der Dunning-Kruger-Effekt

Person die sagt: "Zufällig bin ich Experte auf diesem Gebiet" (Foto: DASDING)

Jetzt stellt sich die Frage, wo Vollblut-Verschwörungstheoretiker ihre Überzeugung her holen - besonders, wenn nur oberflächliches Wissen vorhanden ist. Der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt erklärt dieses Phänomen. Benannt wurde das Ganze nach den beiden Wissenschaftlern, die 1999 eine Studie dazu veröffentlicht haben. Der Effekt meint das Phänomen, dass jemand so wenig Ahnung von etwas hat, dass er gar nicht merkt, dass er keine Ahnung hat. Laut Hans-Peter-Erb fehlt hier also die Kompetenz, die eigene Inkompetenz zu erkennen: Wer dem Effekt unterliegt, zweifelt seine Theorie nicht an und fragt auch nicht nach anderen Theorien.

Der Effekt setzt dann ein, wenn eine simple Antwort auf eine komplexe Frage nicht hinterfragt wird.

Unser Fazit

Auch wenn es verlockend sein kann, einer Verschwörungstheorie vehement zu widersprechen und ihre Vertreter mit Fakten zu bombadieren, sollten wir es erstmal ruhig angehen: Fragen stellen und dabei die Sorgen und Bedürfnisse hinter den Verschwörungstheorien im Auge behalten. Dann könnte auch eine friedliche Auseinandersetzung möglich sein. Und wenns gar nicht geht: Akzeptieren, dass wir nicht auf einen Nenner kommen.

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